Besser hören

Wie den Ohren auch im Alter nichts entgeht

Von Tobias Lemser · 2017

Fast unsichtbares Hörgerät

Je früher eine Hörminderung behandelt wird, umso besser die Therapieerfolge. Moderne Hörsysteme können gleich mehrfach die Lebensqualität erhöhen, wie aktuelle Studien beweisen.

Ob im Café, im Bahnhof oder am Strassenrand: Häufig sind es die kleinen Gespräche vor lauter Hintergrundkulisse, die Menschen mit Hörminderung besonders schwerfallen. Das Paradoxe: Bis die meisten Betroffenen zur Hörhilfe greifen, vergehen oftmals viele Jahre.

Wer schlecht hört, sollte schnell handeln

Gerade bei einer Hörminderung im Alter ist es wichtig, so früh wie möglich die Ohren mit ­einem Hörsystem zu unterstützen. Denn je länger die Hörminderung unbehandelt bleibt, desto mehr verlernt unser Gehirn das Hören und kann bestimmte Umweltgeräusche nicht mehr wahr­nehmen.

Hintergrund: In der Entwöhnungsphase werden zahlreiche Haarzellen im Innenohr abgebaut und sterben irreparabel ab. Mit der Folge, dass keine Geräusche mehr auf den Hörnerv übertragen werden. Zu langes Zögern kann ebenso dazu führen, dass unser Gehirn mit dem neuen Hörsystem akustisch überfordert ist und sich die Hörleistung dementsprechend nur unzureichend verbessert. Zudem können, wie das Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Alter der Fachhochschule St. Gallen herausgefunden hat, Hörminderungen im Alter zu Dauerstress und Bluthochdruck führen.

Hörgerät unterstützt geistige Fitness

Wie wichtig schnelles Handeln darüber hinaus ist, zeigen aktuelle Untersuchungen, wonach die Hörgerätenutzung und geistige Fitness direkt zusammenhängen. Demnach bauen Personen ohne Hörhilfe geistig wesentlich schneller ab als Hörgeräteträger, die sich in ihren Denkleistungen nicht von Normalhörenden unterscheiden. Ähnlich eine im April veröffentlichte Studie der Universität Manchester, in der Daten von rund 165’000 Hörtest-Absolventen ausgewertet wurden: Darin betonen die Forscher, dass sich nachlassender Gedächtnisleistung nur mit Hörgeräten entgegenwirken lasse, da die Schwerhörigkeit die unmittelbare Ursache sei. Ausserdem gehen sie davon aus, dass Menschen die geistig fit sind, eher Hörgeräte nutzen, um ihre Lebensqualität zu erhalten – ein wichtiger Schritt, um nachhaltig sozialer Isolation und Depressionen vorzubeugen.

Hörminderung wird häufig ignoriert

Fakt ist: Bereits ab dem 50. Lebensjahr nimmt das natürliche Hörvermögen schleichend ab. Auslöser können Lärmbelastung, Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, genauso wie erbliche Veranlagung sein. In der Schweiz leben rund 450‘000 Personen über 65 mit einer Hörminderung. Fast die Hälfte von ihnen behandelt ihr Hörproblem nicht. Dabei können moderne Hörhilfen – gerade wenn sie rechtzeitig zum Einsatz kommen – die Hörminderung erheblich verbessern.

Filigrane Technik mit vielen Extras

Welches Hörgerät infrage kommt, um die Hördefizite auszugleichen, hängt von den individuellen Gegebenheiten jedes einzelnen ab. Heute erhältliche Lösungen, die entweder im oder hinter dem Ohr befestigt werden, sind im Vergleich zu früher angenehm zu tragen, einfach zu handhaben und verfügen über ein klares Sprachverständnis. Häufig fällt die Wahl auf Hörgeräte, die einen räumlichen Klang im Sinne eines Dolby Surround-Effekts wiedergeben. Um diesen Effekt zu erreichen, sollte jedoch an beiden Ohren eine Hörhilfe angepasst werden, um Stimmen und Töne in einer geräuschvollen Umgebung auseinanderhalten zu können.

Moderne digitale Hörsysteme sind zudem mit leistungsstarken Computerchips ausgestattet und verfügen häufig über gleich mehrere Programme. Entscheidet sich der Träger etwa für die Einstellung «Sprache in Ruhe», arbeitet das Hörgerät mit einer omnidirektionalen Mikrofontechnologie und ist aus einem 360-Grad-Winkel ansprechbar. Bei störenden Geräuschen wechseln moderne Hörgeräte auf ein Richtmikrofon, das seitliche respektive von hinten eintreffende Störgeräusche ausblendet und so für ein besseres Verständnis sorgt. Zusätzlich gibt es die Option, via Bluetooth externe Audiosignale zu empfangen. Beispielsweise können über diese Hörgeräte Musik von einem MP3-Player oder Telefongespräche vom Handy empfangen werden.

Um langfristig von der filigranen Technik heutiger Hörgeräte profitieren zu können, ist jedoch auch die Nachbetreuung wichtig. Dazu sollte zählen, die Geräte technisch zu überprüfen, zu reinigen sowie die Hörleistung nachzumessen, damit Menschen trotz Hörminderung bis ins hohe Alter jederzeit mit ihrer Umwelt in Verbindung bleiben können.