Psyche & Stoffwechsel

Der Einfluss von Stress auf unser Gewicht

Von Nadine Effert · 2016

Wer zu viel isst und zu den Sport-Muffeln zählt, nimmt zu. Das ist nichts Neues. Doch was viele nicht wissen: Anhaltender Stress kann ebenso zu Übergewicht führen, da er unseren Hormonhaushalt verändert.

Die Zahl der Übergewichtigen nimmt zu und entwickelt sich vor allem in den Industrie-ländern zu einem zentralen Gesundheitsproblem – auch in der Schweiz, wo etwa 2,5 Millionen Menschen zu viel auf die Waage bringen und ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Denn mit starkem Übergewicht können schwerwiegende Begleiterkrankungen einhergehen, wie Diabetes mellitus und Bluthochdruck. Wissenschaftler der kanadischen York University haben in einer Studie herausgefunden, dass selbst bei gleicher Nahrungszufuhr es unsere Vorfahren einfacher hatten, ihr Gewicht zu halten. Als Gründe nennt das Forscherteam die veränderten Umwelteinflüsse. So spiele nicht nur die Kalorienzufuhr und Bewegung eine Rolle, sondern zum Beispiel auch Stress. Und davon haben wir heutzutage bekanntlich genug: ständige Erreichbarkeit, Termindruck, Doppelbelastung durch Familie und Job – die Liste stressauslösender Faktoren ist lang.

Stresshormon Cortisol im Visier

Leichter Stress oder Stress, der sich nicht über einen längeren Zeitraum erstreckt, ist nicht bedenklich. Er kann laut den Ergebnissen eines kürzlich in der Fachzeitschrift «Experimental Physiology» publizierten Berichts sogar beim Abnehmen behilflich sein, da das in Stress-situationen ausgeschüttete Hormon Cortisol im Körper gesundes braunes Fett aktiviere, das wiederum Glucose verbrennt, um die Körperwärme zu erzeugen. Das verbraucht Kalorien, so die Forscher der Nottingham University in Grossbritannien. Allerdings ist dieses Ergebnis mit Vorsicht zu geniessen, denn der positive Effekt auf die Anzeige der Waage gilt nur bei leichtem Stress. Starker und chronischer Stress hingegen wirkt sich aufgrund der erhöhten Ausschüttung bestimmter Hormone wie dem Cortisol negativ auf den Zucker- und Fettstoffwechsel aus. Für eine gesunde Gewichtsreduktion ist daher, neben einer bewussteren, gesünderen Ernährung und körperlicher Ertüchtigung, auch der Umgang mit Stress relevant – zumal er auch auf die allgemeine körperliche und seelische Gesundheit einen grossen Einfluss hat. Wird Stress zur Dauerbelastung, drohen zum Beispiel Schlafstörungen, Bluthochdruck, Magen-Darmprobleme und Burnout. 
Laut der aktuellen Studie «Job-Stress-Index 2015» der Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz fühlt sich knapp ein Viertel aller Schweizer Erwerbstätigen gestresst. Etwa sechs Prozent der Arbeitnehmer seien so stark belastet, dass sie gemäss wissenschaftlicher Klassifikation am Rande eines Burnouts stehen. 

Stress verändert die Essgewohnheiten

Unter Druck oder als Abwehrverhalten gegenüber dem drohenden Zusammenbruch werden meist ungünstige Strategien der Stressbewältigung entwickelt, wie zum Beispiel die Kompensation über das Essen. Fastfood und Süssigkeiten lassen grüssen. Neben dem häufigen Griff auf kalorienreiche Nahrungsmittel fördert Stress zudem Heisshungerattacken. Der Grund: Das in der Nebennierenrinde produzierte Cortisol versetzt den Körper in Alarmbereitschaft und veranlasst Fettzellen, schnell Energie bereitzustellen. Gleichzeitig sorgt das Stresshormon dafür, dass der Körper permanent seine Fettdepots wieder auffüllt. Dabei verlangt der gestresste Körper bevorzugt Nahrungsmittel, die schnell Energie freisetzen, also vor allem Kohlenhydrate wie Zucker. Über einige Jahre hinweg kann selbst ein nur leicht erhöhter Cortisol-Spiegel im Blut eine deutliche Gewichtszunahme bewirken.

Richtiger Umgang mit Stress

Unterm Strich bedeutet das: starken Stress möglichst vermeiden oder zumindest verringern. Neben bestimmten Persönlichkeitsfaktoren spielen dabei auch Verhaltensweisen, an denen wir aktiv schrauben können, eine Rolle. Ein wichtiger Schutzfaktor ist ein stabiles positives Selbstwertgefühl mit guter Fähigkeit zur emotionalen und körperlichen Selbstwahrnehmung und Selbstberuhigung. Sport spielt dabei eine wichtige Rolle, wobei er natürlich nicht zum Freizeitstress avancieren darf. Wenn wir uns sportlich betätigen, setzt unser Gehirn bestimmte Substanzen frei, die Gefühle der Zufriedenheit und der Entspannung entstehen lassen. Laut neuesten Studien reicht eine halbe Stunde körperliche Ertüchtigung aus. Als Ergänzung zum leichten Ausdauertraining eignen sich zum Beispiel Yoga, Qigong und Meditation, denn ihr positiver Einfluss auf das seelische Wohlbefinden gilt als erwiesen.