Leitartikel

Auf das Wie kommt es an

Von Nadine Effert · 2017

Lebensqualität im Alter hängt auch von der persönlichen Einstellung ab.

Die Lebenserwartung steigt. Eine gute Nachricht? Oder müssen wir uns vor dem Alter fürchten? Fragen, die eng mit unserer Gesundheit sowie geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit verknüpft sind.

Sein Markenzeichen ist ein gelber Turban und ein langer grauer Bart. Die Rede ist von Fauja Singh, der im Jahr 2013 seinen letzten Zehn-Kilometer-Marathon in Hong Kong gelaufen ist. Obwohl er mit einer Zeit von einer Stunde, 32 Minuten und 28 Sekunden weit vom Siegertreppchen entfernt war, wurde er beim Einlauf lautstark bejubelt. Der Grund? Der Inder war zu diesem Zeitpunkt knapp 102 Jahre alt. Auch heute, im stolzen Alter von 106 lässt er die Turnschuhe nicht im Schrank stehen. Zugegeben: Der betagte Läufer ist eine Ausnahmeerscheinung. Aber längst nicht der einzige Mensch, der für Schlagzeilen sorgt und der Welt beweist, dass man trotz fortgeschrittenen Alters noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Wie etwa die rüstige Georgina Harwood, die im südafrikanischen Kapstadt mit einem Fallschirm ausgerüstet aus einem Flugzeug in die Tiefe sprang – mit 100 Jahren. Gut, vielleicht hat nicht jeder Mensch derart sportliche Ambitionen. Doch auch im hohen Alter möglichst mobil und gesund sein – wollen wir das nicht alle?

Biologisches versus gefühltes Alter

Zumindest die Weichen in Richtung «hohes Alter» sind gestellt, wie ein Blick auf die durchschnittliche Lebenserwartung zeigt. Vor rund 100 Jahren lag sie bei 46 Jahren. Heute – laut Bundesamt für Statistik – bei Frauen bei 85,2 Jahren und bei Männern bei 81 Jahren. Wissenschaftler gehen davon aus, dass sie im Jahr 2050 bei rund 90 Jahren liegen könnte. Eine weitere Veränderung ist der Wandel des Begriffes «alt». Heutzutage ist dieses Adjektiv negativ besetzt, keiner möchte als alt bezeichnet werden. Es steht bei vielen Menschen in Zusammenhang mit Gebrechlichkeit und typischen Alterskrankheiten wie Arthrose, Inkontinenz, Herz-Kreislauf- oder Krebserkrankungen sowie einem eingeschränkten Hör- und Sehvermögen. Nicht ohne Grund wurden neue Begrifflichkeiten generiert, wie «Best Ager», «60plus-Generation» oder «Generation Gold». Das entspricht auch mehr dem tatsächlichen Lebensgefühl à la «50 ist das neue 40» oder «70 das neue 60». Wie die Studie «Digital Ageing: Unterwegs in eine alterslose Gesellschaft» des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) zutage brachte, fühlen sich 60- bis 70-Jährige heutzutage im Durchschnitt zwölf Jahre jünger als ihr biologisches Alter. Mit 50 noch mal studieren, mit 60 ein neues Hobby anfangen oder mit 70 die Welt bereisen – warum nicht? Letztendlich kommt es nicht darauf an, wie alt wir werden, sondern wie wir alt werden.

Den Blick jetzt auf später richten

Halten wir Körper und Geist fit? Kümmern wir uns um unsere Gesundheit, indem wir bei Beschwerden zum Arzt gehen und Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen? Achten wir auf einen gesunden Lebensstil und verzichten zum Beispiel aufs Rauchen und übermässigen Alkoholkonsum? Wir sind dem Älterwerden nicht völlig hilflos ausgeliefert und haben es in der Hand, die zusätzlichen Lebensjahre mit möglichst hoher Lebensqualität zu geniessen. Ob umfassende medizinische Versorgung, ein optimiertes Versorgungsmanagement auf Seiten der Versicherer, moderne Pflegkonzepte oder gar intelligente Haustechnik, die Stürze vorausahnt – es wird bereits viel getan, um das Bedürfnis nach einem möglichst langem, gesundem und selbstbestimmtem Leben zu befriedigen. Dies ist angesichts der demografischen Entwicklung auch nötig – auch wenn viele altersbedingte Krankheiten sich dank medizinischen Fortschritten besser in den Begriff bekommen lassen als in der Vergangenheit. «Nahezu ein Viertel aller 70- bis 85-Jährigen leidet an fünf oder mehr Krankheiten gleichzeitig», heisst es im «Weltbericht über Altwerden und Gesundheit» der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wie kann ein leistungsfähiges Versorgungssystem für immer mehr chronisch kranke Menschen organisiert werden, wenn gleichzeitig durch den demografischen Wandel weniger Geld zur Verfügung steht? Wie kann die Gesundheitsvorsorge im Alter verbessert werden, um Spitalaufenthalte möglichst zu vermeiden? Wie begegnet man dem aktuell herrschenden Mangel an Pflegfachkräften? Das sind nur einige Fragen, mit denen sich auch die Schweiz auseinandersetzen muss. Fragen, auf die die Politik und andere relevante Akteure im Gesundheitswesen Antworten finden müssen.